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Interview mit Qigong und Yiquan Meister Jumin Chen von der Chen Akademie in Luzern

Aktualisiert: 13. Juni



Der international anerkannte Lehrmeister Jumin Chen gilt als einer der wichtigsten Lehrer für Qigong und Yiquan im deutschsprachigen Raum. Er wurde bereits im Kindesalter sowohl von seiner Familie als auch von namhaften Lehrern in die Geheimnisse der verschiedenen Stile des Qigong und anderen inneren Kampfkünsten eingeweiht. Er ist als Kursleiter und Vortragender an verschiedenen Instituten in Europa und China tätig. Er unterrichtet seit 1985 an Hochschulen in China und ist Ausbildungsleiter und Vortragender an diversen Institutionen in Europa. Seit 1997 leitet er eine eigene Akademie für Lehrer-Ausbildungen. Er ist die 4. Generation von Yiquan.


Von wem hast du Qigong kennengelernt?

Bereits als Kind habe ich Qigong in meiner Familie kennengelernt. Ich habe es durch meinen Vater, Grossvater, Onkel und meinem älteren Bruder gelernt. Bei uns Zuhause waren immer abends ca. 20 - 30 Schüler da, die Qigong trainiert haben. Da konnte ich sehr viel zuschauen, wie andere Qigong geübt haben. Mit 18 Jahren bin ich dann auch durch China gereist und habe andere Lehrer kennengelernt, die Qigong unterrichteten.


Wann hast du mit dem Qigong Üben begonnen?

Ich habe mit 5 Jahren angefangen. Zuerst sehr spielerisch, was mir sehr gefallen hat. So habe ich sehr gerne geübt, da es nicht so anstrengend war.


Was hat dich dazu bewogen, Qigong Ausbilder zu werden?

Ich wollte ursprünglich gar nicht Qigong Ausbilder werden. Ich wollte einfach das was ich kann weiter vermitteln. Mit der Zeit hatte es sich dann einfach so ergeben. Es hat sich natürlich entwickelt, ohne dass ich dies so vorausgeplant habe.


Wer inspiriert dich in Sachen Qigong?

Meine Familie war immer meine Inspiration für Qigong. Mein Vater und mein Grossvater, welche nebenbei Qigong gegeben haben, hatten immer mehrere hundert Qigong-Schüler, die regelmässig zu ihnen ins Training kamen.


Wie würdest du Qigong beschreiben?

Qigong ist Arbeit mit dem Qi. «Qi» bedeutet übersetzt vom chinesischen Schriftzeichen Lebensenergie und «Gong» bedeutet Arbeit. Also heisst Qigong Arbeiten mit der Lebens-energie. Mit Qigong können wir das Qi im Körper aufbauen, so dass das Qi besser im Körper fliesst. Das Hauptziel von Qigong ist es, Krankheiten vorzubeugen, also Gesundheits-prävention. Zusätzlich lassen sich verschiedene Krankheiten durch das Qigong üben heilen.


Welche Qigongstile praktizierst du (es gibt ja 5 Stile: Medizinisch, Daoistisch, Buddhistisch, Konfuzianisch, Kampfsport)?

Am liebsten praktiziere ich Medizinisches, Daoistisches und Kampfkunst Qigong.


Was bedeutet Qigong für Dich?

Es tut mir gut und hält mich gesund. Ich habe keine Beschwerden und dies trotz meines Alters. Dank meinem täglichen Qigong-Programm bleibe ich gesund und kann so viel Geld sparen. Viele Leute sind sich gewohnt, regelmässig zum Arzt zu gehen. Ich habe dafür keine Zeit (schmunzelt).


Was ist aus Deiner Sicht der grösste Nutzen von Qigong?

Prävention ist das allerwichtigste. In China sagt man: «der gute Arzt heilt immer die Krankheiten, die noch nicht existieren». Bei der Schuldmedizin ist es in der Regel so, dass die Krankenkasse nur bezahlt, wenn man eine Krankheit hat. Durch das Qigong-Training bleibt man fit und achtsamer und kann sich besser konzentrieren. Beim Qigong arbeiten wir auch viel mit der Vorstellungskraft und können so den Körper und Geist in Einklang bringen. Das ist sehr wichtig für die Gesundheit. Deswegen lege ich grossen Wert auf die Vorstellungsarbeit beim Qigong.


Wie oft/wie lange sollte man üben, um eine positive Wirkung zu erzielen?

Normalerweise ist es gut, wenn man eine halbe Stunde täglich übt. So merkt man bereits nach ein paar Wochen einige positive Wirkungen. Wenn man neu mit Qigong beginnt, kann man dies auch aufteilen auf 2 x 15 Minuten. Nach einem Jahr üben sollte man dies jedoch ändern und länger üben, also eine halbe Stunde am Stück. So erzielt man mit dem Üben noch mehr Wirkung. Beim Qigong ist nicht nur die Qualität wichtig, sondern auch die Quantität.


Was ist wichtig beim Qigong üben?

Die Körperhaltung ist sehr wichtig. Durch die gute Haltung fliesst das Qi besser im Körper. Bei der Körperhaltung ist es wichtig, dass die Handgelenke entspannt und die Ellbogen gebeugt sind. Die Schultern lassen wir entspannt sinken und der Brustkorb ist entspannt (weder nach vorne noch nach hinten drücken). Die Knie sind leicht gebeugt und die Wirbelsäule sowie der Kopf werden aufrecht gehalten. Zudem ist der Atem wichtig. Dieser sollte natürlich sein, also tief, lang, gleichmässig und dünn. Des Weiteren ist die Vorstellung wichtig. Beim Qigong sollten wir immer mit der Vorstellung üben. Wir haben je nach Übung eine bestimmte Vorstellung. Dies hat grossen Einfluss auf unser zentrales Nervensystem, welches unsere gesamte Gesundheit beeinflusst. Bei der Traditionellen Chinesischen Medizin sagt man: «10'000 Krankheiten entstehen im Kopf». Viele Leute werden krank aufgrund von psychischen Problemen wie z. B. mentale Belastung und Stress. Zusammenfassend sind daher Körperhaltung, Atem und Vorstellung am wichtigsten beim Qigong.


Welche Funktion und Wirkung hat die Vorstellungskraft während dem Üben?

Die Vorstellungskraft hat direkten Zugang zum Shen (übersetzt «Geist» oder aus schul-medizinischer Sicht ist dies das zentrale Nervensystem). Durch die Übung mit der Vorstellungskraft können wir uns beruhigen und die Gehirnfunktionen positiv beeinflussen. Unser vegetatives Nervensystem wird automatisch vom Gehirn gesteuert. Wir müssen uns beispielsweise nicht darauf konzentrieren, das wir atmen oder das unser Herz klopft und das Blut gepumpt wird. Auch die Steuerung der Schilddrüse oder der Hormonausschüttung findet automatisch über das Gehirn statt. Durch die Arbeit mit der Vorstellungskraft hat man direkten Zugang dazu, dass alle wichtigen Körperfunktionen gut arbeiten.


Wer kann Qigong üben?

Mit Ausnahme von Säuglingen kann man in jedem Alter Qigong üben, also vom Kindesalter bis ins hohe Alter können alle Leute Qigong üben. Man benötigt dazu weder eine komplizierte, teure Ausrüstung noch einen grossen Raum. Mit wenig Platz und lockerer Kleidung kann man bereits Qigong trainieren. Vor allem kann man überall üben wie beispielsweise an der Bushaltestelle oder am Bahnhof und sogar auf dem Kreuzfahrtschiff. Auch bei der Arbeit kann man gut üben und die Mitarbeitenden können sich so besser konzentrieren.


Gibt es einen Unterschied zwischen Qigong in der Schweiz und Qigong in China?

Der grosse Unterschied ist, dass man in China Qigong in der früh im Park übt und wenig Theorie hat. So gibt es einen Übungsleiter im Park und dieser ist dann ein bis zwei Stunden dort und es kann jeder mitmachen und kommen und gehen, wie man möchte. Es ist hauptsächlich Morgengymnastik. Danach starten die Leute ihr Tagesprogramm wie Arbeiten, Einkaufen usw. In der Schweiz und allgemein in Europa lernen die Leute in einer Gruppe und praktizieren dann oft alleine zuhause am Abend. Es wird auch viel Theorie vermittelt, da die Europäer immer viele «Warum»-Fragen haben und viel vorher wissen möchten. Z.B. warum hilft Qi und wozu ist Qigong gut. Überspitzt gesagt, stellt man drei Jahre lang Fragen und hat noch nicht geübt. In China fängt man gleich an mit dem Üben und erst nach drei Jahren fragt man warum.


Was hat dich bewogen, in die Schweiz zu kommen und hier Qigong anzubieten?

Ursprünglich habe ich zuerst in München studiert. Als ich dort, während dem Studium, Kurse angeboten habe, habe ich gemerkt dass dies gut ankommt und mich die Leute gut mögen. Deswegen hatte ich dann beschlossen, hauptberuflich Qigong zu unterrichten. Meine Lehrtätigkeit befindet sich im deutschsprachigen Raum, also Deutschland, Österreich und Schweiz. Es hat sich dann so entwickelt, dass ich nach und nach auch mehr in der Schweiz angeboten habe. Seit 1996 unterrichte ich in der Schweiz.


Was ist aus deiner Sicht das grösste Missverständnis bei Qigong?

Das grösste Missverständnis ist aus meiner Sicht, dass manche denken, dass Qigong wie eine Sekte sei. Sie denken, es habe etwas mit dem Glauben zu tun. Qigong hat jedoch wenig mit Glauben zu tun, sondern ist vor allem gut für die Gesundheit. Auch in Österreich habe ich schon mitbekommen, dass Qigong als Hexerei bezeichnet wurde. Dabei ist es wichtig, dass man nachfragt, was Qigong ist, anstatt anzunehmen, es habe etwas mit dem Glauben zu tun.


Was macht es aus, ein/e gute/r Qigong-Lehrer/in zu sein?

Wichtig ist, dass man sympathisch ist, sich gut entspannen kann und einen guten Umgang mit den Teilnehmenden pflegt. Dann ist es wichtig, richtige Inhalte und Übungen zu vermitteln. Die Teilnehmenden sollten in erster Linie entspannt, langsam und fliessend üben. Manche haben am Anfang wenig Geduld und machen die Übungen sehr schnell. Dann ist es wichtig, dass die Qigonglehrerin das Tempo drosselt und die Teilnehmenden zu langsamen Übungen anleitet.


Wo übst Du am liebsten?

Am liebsten übe ich im Freien, im Wald oder am See. In der Natur ist der beste Platz, um Qigong zu üben.


Du bist vielseitig talentiert und unterrichtest nicht nur Qigong. Wie ergänzen sich die anderen Übungsformen wie Yiquan, Taichi Quan, Bagua Zhang mit Qigong?

Yiquan ist die Basis für alle andere Übungen wie Taichi, Qigong und Bagua Zhang. Viele machen zuerst die Qigong-Ausbildung und merken dann, wenn sie Yiquan machen, dass dies eigentlich eine sehr gute Grundlage für vorher wäre. Yiquan ist eine Kampfkunst und «Yi» bedeutet übersetzt Vorstellung und «Quan» Kampfkunst. Es ist somit eine Kampfkunst, bei welcher man viel mit der Vorstellung arbeitet. Dies fördert nicht nur die Kampfkunst sondern auch die Gesundheit, besonders auch bei psychischen Belastungen oder körperlichen Problemen. Der Vorteil bei Yiquen ist, dass man es sehr rasch lernen und selbst üben kann. Man benötigt keinen grossen Zeitaufwand zum Lernen, sondern kann bereits nach einer Stunde anfangen, zuhause zu üben. Wenn man mehr Bewegung möchte, kann man auch die Kampfkünste Taichi oder Bagua Zhang machen. Diese Übungsformen ergänzen sich sehr gut gegenseitig.


Was ist aus Deiner Sicht der grösste Unterschied zwischen Taichi und Qigong?

Qigong ist umfangreicher mit unterschiedlichen Übungen. Es gibt etwa 10’000 – 20'000 Qigong Übungen. Taichi ist eine Kampfkunst mit ein paar wenigen Formen und jeweils langer Choreografie. Beim traditionellen Yang-Stil hat man jeweils pro Form über 80 Bewegungen, welche man auswendig lernt. Somit ist der Übungsaufwand sehr gross. Qigong im Gegenzug besteht aus kleineren Blöcken, welche man schnell lernen und zuhause anwenden kann.

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